„Das Konzert-Erlebnis ist etwas Sinnliches“

Wolfgang Niedeckens BAP steht im Rahmen ihrer „Lebenslänglich“-Tour am 16. Juli in Dresden auf der Junge Garde Bühne und blickt musikalisch auf eine 40jährige Karriere zurück.


Elbgeflüster: Sie nahmen für einige Fans überraschend an „Sing meinen Song“ teil. Was haben Sie von diesem Musikformat mitgenommen? Wolfgang Niedecken: Ich musste zunächst meine eigenen Vorurteile bekämpfen, denn die hatten mich schon zur ersten Staffel eingeladen. Ich hatte damals aber noch meine Bedenken. Im Laufe der zweiten Staffel, zu der ich dann nicht eingeladen wurde, sagten unter anderem meine Bandmitglieder, dass ich mir das ruhig mal anschauen sollte, da man unerwartet respektvoll mit den Musikern umgeht. Als ich dann zur 3. Staffel wieder eingeladen wurde, habe ich erst zugesagt, nachdem ich wusste, wer alles mit dabei ist, denn ich hatte keine Lust Schlager zu singen. Alle Sänger der 3. Staffel sind wirkliche Künstler und keine Dienstleister, weswegen ich dann auch gerne zusagte – und darüber bin ich auch heute sehr, sehr glücklich! Ich habe sehr viel mitgenommen, denn in Südafrika hat man sich würdevoll mit den Songs der Kollegen beschäftigt, was auch sehr viel Arbeit war, denn so einfach aus der Hüfte konnte man die Musik nicht neu interpretieren. Ich habe das aber sehr genossen. Die Atmosphäre war übrigens auch wirklich so harmonisch wie sie im TV rüberkommt, was auch daran lag, dass sich das Kamerateam sehr zurückhielt. Ich habe sogar zeitweise komplett vergessen, dass wir gefilmt wurden.

Elbgeflüster: Auch wenn die Tour „Lebenslänglich“ heißt, welches (Zwischen-)Fazit ziehen Sie schon jetzt? Wolfgang Niedecken:Wir touren zwar noch nicht so lange, doch es fühlt sich an, als würden wir schon ein halbes Jahr mit dem Programm unterwegs sein, denn es läuft alles komplett organisch ab und die Band steht voll hinter mir. Diese Tour ist daher sicherlich ein absoluter Traum für alle Fans, denn wir spielen neben aktuellen Songs auch fast alle Klassiker. So etwas kann man alle zehn Jahre ruhig mal machen ohne als Bierzelt-Band abgestempelt zu werden. Gut möglich, dass wir auch Titel von Sing meinen Song spielen, aber nur wenn es zum Programm und zur Atmosphäre passt. In Hamburg wäre zum Beispiel fast Samy Deluxe mit auf der Bühne gewesen, wenn er zu dem Zeitpunkt nicht krank gewesen wäre. Aber das holt er bestimmt noch nach – schließlich möchte er ja von mir noch adoptiert werden (lacht). In Köln hatten wir Nena und in Mannheim Xavier Naidoo zu Gast.

Elbgeflüster: Wie soll die Band eigentlich offiziell genannt werden? Wolfgang Niedecken: Niedeckens BAP, weil wir dadurch flexibler planen können. Hintergrund ist, dass alle Musiker auch woanders spielen, unter anderem für Sting. Die Tourneeplanung stellt eine absolute Herausforderung dar. Die richtigen Zeitfenster abzupassen ist schon ein Kunststück.

Elbgeflüster: Welcher Dialekt hat neben Kölsch Ihrer Meinung nach den meisten Charme? Wolfgang Niedecken: Vom sympathischen Singsang her würde ich bayrisch sagen. Insgesamt wohl mehr die südlichen, weil dort die Wörter mehr ineinander verschlingen. Das klingt einfach sympathischer. Die echten Kölner singen ja schon quasi beim Reden. Das Sächsische leidet klar durch Vorurteile, die noch mit der ehemaligen DDR zusammenhängen, was sehr schade ist.

Elbgeflüster: Laut Medienkritikern hat das Internet Musik einerseits „verramscht“, andererseits ist es aber auch die optimale Plattform für neue Talente. Eine Win/Win-Situation also? Wolfgang Niedecken: Nein. Jüngere Musiker bedienen sich zwar einer jüngeren internet-affinen Zielgruppe, aber sobald das Publikum älter wird, spielt das Internet nicht mehr so eine große Rolle. Wir pflegen unsere digitalen Leinwände wie Facebook trotzdem sehr gründlich. Ich aktualisiere beispielsweise nach jedem Konzert die Einträge und schreibe in meinem „Logbuch“ (auf www.bap.de), wie ich das Konzert erlebt habe. Wir bedienen uns also beider Welten und haben glücklicherweise mehr Fans, die auf klassische Alben stehen. Die Verehrung von Platten, die man zum Teil sogar an die Wand gehängt hat, die gibt es einfach kaum noch, aber damit muss jeder Musiker für sich klarkommen.

Elbgeflüster: Was auffällt: Das Konzert-Erlebnis ist trotz der Digitalisierung ungebrochen erfolgreich – vielleicht sogar noch mehr als vor zehn Jahren. Wolfgang Niedecken: Gott sei Dank, denn das Konzert-Erlebnis ist etwas Sinnliches. Da hört man Musik quasi dreidimensional, da schwitzt man und bekommt live viele Eindrücke zu sehen. Dieses „haptische“ Erlebnis bieten wir bei jedem BAP-Konzert 3,15 Stunden lang, denn so lange spielen wir in der Regel.

Elbgeflüster: Sorgt dieser finanzielle Druck Konzerte zu spielen für eine Auslese an guten Musikern? Wolfgang Niedecken: Eigentlich schon, aber da gibt es beispielsweise im Bereich Volksmusik doch einige negative Gegenbeispiele, die mit Voll-Playback auftreten und so die armen Omis regelrecht verarschen.

Elbgeflüster: Schenken Sie uns zum Abschluss bitte eine Lebensweisheit. Wolfgang Niedecken: Höösch! (Kölsch: „Immer mit der Ruhe“)

Foto: Tina Niedecken

|| 02.07.2016

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