„Sind Künstler Menschen zweiter Klasse?“

Bevor Peter Maffay am 4. Juli im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion sein großes Open-Air-Nachholkonzert spielt, rechnet er mit der Politik ab.


Elbgeflüster: Haben Sie das Gefühl, dass der Stellenwert von Musik für die Menschen aufgrund der Pandemie wieder gestiegen ist?
Maffay: Ich glaube, dass Musik für die Hörer vor diesem Hintergrund wieder sehr wichtig geworden ist. Die Politik hingegen sieht das offensichtlich nicht so, auch wenn sie das anders darstellt. Wenn man isoliert ist, ist Musik mit Sicherheit ein Ventil. Sie hilft vielen Leuten, komplexe und schwierige Situationen zu überwinden. In Zeiten wie diesen ist das noch mehr der Fall als sonst.

Elbgeflüster: Im Land Goethes und Schillers, Beethovens und Bachs wird der Kulturbetrieb nicht nur als weniger wichtig angesehen als die Wirtschaft, sondern auch als der Fußball. Wie denken Sie darüber?
Maffay: Ich bin sehr gespannt, wie die Kulturbranche diese Zeit ohne allzu große Verluste überstehen soll. Ich bin ein absolut positiv denkender Mensch, aber ich sehe, dass Strukturen wegbrechen und Leute aufgeben. Ich erlebe die Verzweiflung von Familienvätern, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Ich kenne Arbeitgeber, die ihre Firma nicht mehr aufrechterhalten können, weil sie seit acht Monaten nicht mehr das ausüben dürfen, was sie am Leben erhält. Es gab in der Zwischenzeit Initiativen in mannigfaltiger Form, an denen wir uns beteiligt haben. Es gab schon vor Monaten einen offenen Brief an Frau Dr. Merkel mit der Bitte, diese prekäre Situation ernst zu nehmen und darauf zu reagieren. In Gesprächen mit Politikern wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters wurde betont, dass die Schwierigkeiten unserer Branche registriert wurden. Man hat beeindruckende Zahlen in den Raum gestellt.

Elbgeflüster: Hat das Ihrer Branche konkret geholfen?
Maffay: Ich weiß inzwischen, dass von diesen zugesagten Geldern nur ein verschwindend geringer Teil überhaupt erst die Adressaten erreicht hat. Und zwar weil der Verteilungsmechanismus so komplex ist. Niemand weiß wirklich, wie man das Geld eigentlich verteilen soll. Das heißt: Denjenigen, denen eigentlich geholfen werden müsste, wird konkret nicht wirklich geholfen. Da darf man sich nicht wundern, dass einige Stimmen ziemlich laut werden. Es gab zum Beispiel ein sehr beachtliches Statement von Till Brönner. Inzwischen gibt es viele wie ihn, die mit Verlaub gesagt die Schnauze voll haben von dieser Agonie.

Elbgeflüster: Woran genau stören Sie sich?
Maffay: Es kann nicht sein, dass in einem demokratischen System einer ganzen Branche die Aufmerksamkeit, die sie zum Überleben bräuchte, nicht entgegengebracht wird. Wir haben dieses zynische Wort „Systemrelevanz“. Zu Zeiten des ersten Lockdowns habe ich persönlich erfahren, dass ich nicht systemrelevant bin und meine kleine Tochter von daher nicht in den Kindergarten darf. Ich frage mich: Sind Künstler Menschen zweiter Klasse? Das darf es in einer Gesellschaft wie der unsrigen nicht geben!

Elbgeflüster: Was wünschen Sie sich konkret von der Politik?
Maffay: Würde man die Obergrenze anheben, wäre es immerhin möglich, wirtschaftliche Konzerte zu spielen. Es geht nicht um eine Vollauslastung. Bühnenaufbauer, Caterer, Busfahrer, die es ja zu tausenden gibt, könnten dann beschäftigt bzw. bezahlt werden. Auf diese Weise bräuchte die Branche keine staatliche Unterstützung. Sie ist innovativ genug, um sich selber helfen zu können. Man müsste ihr nur diese Option erlauben. Aber das passiert nicht. Stattdessen sitzen wir da und sagen: Gebt uns Geld! Wir sind aber keine Bittsteller! Man kann uns nicht verbieten, zu arbeiten. Genau das passiert aber im Augenblick. Einige von uns haben ein finanzielles Polster. Damit kommt man eine Zeit lang über die Runden. Aber was machen die vielen anderen jungen Nachwuchskünstler oder die Dienstleister?

Elbgeflüster: Für wie viele Angestellte haben Sie zu sorgen?
Maffay: Meine Firma hat 30 bis 40 Leute. Wir bezahlen die Gehälter seit acht Monaten auch weiter. Bis jetzt sind wir ein gesundes Unternehmen, aber irgendwann wird auch für uns die Luft dünn. Mit welcher Berechtigung zerstört man solche Strukturen?

Elbgeflüster: Wären Sie unter Umständen bereit, im Winter Freiluftkonzerte zu spielen?
Maffay: Ich schwöre Ihnen, wir spielen auch bei 15 Grad minus! Überhaupt kein Thema. Wir haben vor einiger Zeit das letzte Konzert auf der Waldbühne gespielt. Sie fasst 22.000 Leute. Wir hatten etwa 4000. Ich hatte ein bisschen Angst davor, aber es wurde ein geiler Abend! Die Leute standen diszipliniert in gehörigem Abstand zueinander. Für beide Seiten ein Genuss. Man hätte locker 3000 mehr Leute hereinlassen können, das hätte nichts am Ansteckungsrisiko geändert. Soviel ich weiß, hat sich an dem Abend niemand infiziert. Diese 7000 Zuschauer hätten das Konzert wirtschaftlich gemacht. Das ist für mich der Schlüssel. Ich glaube, wir können lange darauf warten, dass sich irgendwelche Ministerien dazu durchringen, Hilfsgelder in Umlauf zu bringen, die nicht mit Bürokratie verbunden sind. Ich plädiere deshalb für eine höhere Zuschauer-Obergrenze. Die Leute würden kommen, weil sie hungrig sind. Natürlich gibt es auch welche, die die Regeln ignorieren, aber wahrscheinlich aus Trotz angesichts der Maßnahmen.

Elbgeflüster: Wie stehen Sie zu Corona-Leugnern?
Maffay: Ich habe etwas gegen Ignoranten, die die Pandemie negieren. Aber es ist ein Unterschied zwischen dem Leugnen des Virus‘ und dem Infragestellen der Maßnahmen.

Elbgeflüster: Was treibt Sie noch an?
Maffay: Was mich antreibt, ist nicht Zweckoptimismus, sondern eher eine moralische Verantwortung. Diese beobachte ich auch bei vielen anderen. Meine Haltung ist positiv, solange der liebe Gott uns Gesundheit gibt. Da krempelt man die Ärmel hoch und versucht, sein Bestes zu geben. Deswegen gibt es unsere Stiftung. Auch da könnte man fragen, was diese 1.200 Kinder, die uns jedes Jahr besuchen, bewirken sollen. Aber 1.200 sind besser als gar keine. Natürlich läuft man manchmal wie Don Quichotte gegen Windmühlen an. Aber es gibt keine Alternative.

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Wir verlosen unter allen Teilnehmern 1 x 2 Freikarten für den 04.07.2021, 20.00 Uhr.

Mitmachen ist denkbar einfach: Schicken Sie eine E-Mail mit dem Betreff „Peter-Maffay“ sowie Ihre Kontaktdaten an: gewinnspiel (at) elbgefluester.de oder senden Sie eine Postkarte mit dem Stichwort „Peter-Maffay“ an Elbgeflüster, Goethestr. 81, 01587 Riesa. Bitte eine Telefonnummer nicht vergessen. Einsendeschluss: 31.01.21. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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