„Virtual Reality ist eine ganz eigene Ausdrucksform!“

Jean-Michel Jarres Debüt „Oxygène“ aus dem Jahr 1976 gilt als erstes modernes Elektronikalbum in der Geschichte der Popmusik. Nun hat der 71-jährige Franzose als erster Musiker überhaupt ein Virtual-Reality-Live-Konzert gespielt. Unter dem Motto „Alone Together“ trat Jarre in Paris wie in einem Science-Fiction-Film als Avatar auf.

Elbgeflüster: Monsieur Jarre, was ist aus der Sicht eines Live-Musikers das Begrüßenswerte an Künstlicher Intelligenz?
Jean-Michel Jarre: In der Zeit des langen und harten Lockdowns hat ein Umdenken stattgefunden. Die Menschen bewegen sich jetzt noch mehr in imaginären Online-Welten, die allerdings mit der Außenwelt verbunden sind. Ich interessiere mich schon länger für Virtual Reality und andere neue Techniken. Außerdem wollte ich unbedingt etwas zur diesjährigen Fête de la Musique beitragen, um in der Coronakrise eine positive Botschaft an die Menschen da draußen zu senden. Mit einigen jungen Start-up-Unternehmern habe ich bereits bei meinem letzten Album „Equinox Infinity“ zusammengearbeitet. Der australische VR-Künstler Sutu alias Stuart Campbell zum Beispiel stand Steven Spielberg bei dem Film „Reader Player One“ zur Seite. Gemeinsam hatten wir jetzt die Idee, dass ich meine Bühnenpersönlichkeit als Avatar in die virtuelle Welt schicke. Das Ganze wurde dann zu einer echten Weltpremiere.

Elbgeflüster: Was ist das Neue an Ihrer Virtual-Reality-Show „Alone Together“?
Jean-Michel Jarre: Bisher waren virtuelle Konzerte immer vorproduziert, in unserem Fall aber fand die Show wirklich live statt. Wir haben dafür eine computergestützte simulierte Umgebung kreiert, die an das Stage-Design meiner Live-Touren erinnert. Ich hatte zuerst die Befürchtung, dass solch eine Performance sehr abstrakt sein könnte, ich habe sie nämlich mit einem VR-Headset von meinem Studio aus gespielt. Damit konnte ich die Leute im Garten des Palais Royal in Paris sehen, was überwältigend war. Schon nach fünf Minuten überkam mich das Gefühl, auf einer richtigen Bühne zu stehen, weil ich mit dem Publikum direkt kommunizieren konnte. Die Leute haben sogar zu meiner Musik getanzt. Das Projekt erinnert irgendwie an die ersten Schritte des Kinos Ende des 19. Jahrhunderts. Viele professionelle Bühnenkünstler dachten damals, Film sei nur Trickserei auf einer weißen Leinwand. Doch das neue Medium entwickelte sich zu einer bedeutenden Kunstform.

Elbgeflüster: Kann Virtual Reality das Live-Erlebnis ersetzen?
Jean-Michel Jarre: Virtual Reality ist für mich keine Alternative zu einer herkömmlichen und einzigartigen Live-Performance, bei der ein Künstler direkt vor Publikum auftritt, das Schulter an Schulter in einem Club steht. VR ist vielmehr etwas ganz Eigenes. Eine völlig neue Möglichkeit, mit dem Publikum zu korrespondieren – und zwar mit der Technologie unserer Zeit.

Elbgeflüster: Vereinzelt fanden Virtual-Reality-Konzerte bereits statt. Diese waren aufgezeichnet und wurden anschließend abgespielt. Das Konzert von Ihnen war aber tatsächlich live. Wie kompliziert war die Umsetzung?
Jean-Michel Jarre: Es war eine ziemliche Herausforderung. Es galt, viele Probleme zu lösen. Der Avatar musste zum Beispiel so zum Leben erweckt werden, dass ich ihn von meinem Studio aus wie meinen eigenen Körper steuern konnte. Und zwar live. Wir haben verschiedene Techniken ausprobiert, um das hinzukriegen und uns am Ende für diejenige entschieden, die ich am besten handeln konnte. Mein Studio sah aus wie ein Kontrollraum der NASA mit dutzenden von Bildschirmen. Alle Beteiligten hatten das selbe Ziel vor Augen. Ein Gefühl wie bei der ersten Mondlandung. Sehr aufregend!

Elbgeflüster: Haben Sie das Projekt während des Shutdowns entwickelt?
Jean-Michel Jarre: Ja. Die Wahrheit ist, dass wir für das Ganze nur drei Wochen Zeit hatten. Und zwar Tag und Nacht. Wir wurden dabei vom französischen Kulturministerium unterstützt. Man konnte das Konzert auf drei verschiedene Weisen konsumieren: Mit einem VR-Headset. Am PC, Handy oder Laptop. Auf einem Blue Screen im Garten des Palais Royal in Paris vorm Ministerium für Kultur. Dort saßen ausgewählte Studenten der Neuen Medien auf Sofas, normales Publikum war wegen Corona nicht erlaubt. Nach der Performance konnte man meinem Avatar live Fragen stellen. Anschließend verschwand er durch eine virtuelle Tür und man sah mich in meinem Studio, wo ich das Projekt weiter erläuterte.

Elbgeflüster: Haben Sie die Musik speziell für das Projekt geschrieben?
Jean-Michel Jarre: Ich habe für „Alone Together“ drei neue Songs geschrieben. Das Tolle ist, dass man mit dem Avatar machen kann, was man will. Ich habe im Studio auf meinem Keyboard live gespielt, aber in der virtuellen Welt war eine virtuelle Version des Instruments zu sehen. Irgendwie strange, aber auch ziemlich cool. Es ist keine Live-Performance, wie wir sie gewohnt sind, es ist etwas anderes. Ich bin davon überzeugt, dass VR eine ganz eigene Ausdrucksform ist, auch nicht vergleichbar mit Videospielen.

Elbgeflüster: Werden Sie im nächsten Schritt Ihren Avatar auf Tour schicken?
Jean-Michel Jarre: Warum nicht? Wir haben gerade so viele Ideen. Auf „Alone Together“ gab es Reaktionen aus der ganzen Welt. Ich glaube, dass in VR-Performances eine Menge Potenzial steckt.

Elbgeflüster: Wie teuer ist solch ein Projekt?
Jean-Michel Jarre: Gar nicht so teuer und mit Sicherheit günstiger als eine echte Tour, wo unter anderem Kosten für Reisen, Hotels und Löhne anfallen.

Elbgeflüster: Vermissen Sie das echte Live-Spielen vor Publikum?
Jean-Michel Jarre: Einen Filmregisseur würde man auch nicht fragen, ob er das Theater vermisst. Natürlich ist VR etwas anderes als ein Live-Konzert und es ist tatsächlich so, dass man die Konzertbühne vermisst. Das heißt aber nicht, dass das eine besser ist als das andere. VR wird niemals die Live-Performance ersetzen.

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